Springe direkt zu: Seiteninhalt, Hauptmenü, Bereichsnavigation

IG Metall @ Hewlett-Packard

Informationen der IG Metall für Beschäftigte bei Hewlett-Packard



Dialog: ITK-Umbruch als Chance nutzen

IG Metall @ ITK - Unsere Branche - Unsere Gewerkschaft

11.03.2014 Prof. Dieter Kempf, Präsident des Branchenverbands Bitkom und Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall: Wie wird und wie sollte sich die Branche entwickeln?

Die ITK-Branche befindet sich im Umbruch. Big Data, Cloud Computing, Industrie 4.0 sind Ausdruck eines grundlegenden technologischen Wandels, der nicht nur die deutsche ITK-Branche, sondern die gesamte Wirtschaft erfasst. Wie wird sich die Branche entwickeln? Wie kann sie ihre Stärken ausbauen? Welche Chancen und welche Risiken birgt das für die Beschäftigten? Wie kann sich die deutsche ITK-Industrie international behaupten? Professor Dieter Kempf, seit 2011 Präsident des Branchenverbands Bitkom, und Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, beschreiben die Herausforderungen, vor denen die Branche steht. Weiteres Thema des Dialogs sind ihre Ansätze, um diese Umbruchsituation zu gestalten.

IT-Magazin: Die ITK-Branche ist heute die zweitgrößte Branche Deutschlands. Was kennzeichnet die deutsche ITK und worin liegen ihre Stärken?

Dieter Kempf: Die Informations- und Kommunikationstechnologie hat sich zu
einer Querschnittstechnologie entwickelt. Sie bildet kein separates Industriesegment mehr. Vielmehr sind Produkte aus diesem Industriezweig in fast allen Produkten unseres täglichen Lebens enthalten. Nehmen wir das Automobil: Ohne ITK-Produkte gäbe es keine Fahrassistenzsysteme, keine dynamische Routenführung und vieles andere mehr. Die Stärke der deutschen ITK-Industrie liegt weniger in den konsumnahmen Anwendungen, sondern dort, wo es um unternehmerische Lösungen oder systemische Kommunikation geht. Wir erwarten daher von einer Industrie 4.0 oder dem "Internet der Dinge" - der bevorstehenden nächsten industriellen Revolution - einen deutlichen Vorteil. Hier geht es um machine-to-machine-Kommunikation und darum, Industrieprozess und Fertigungs-Knowhow stärker miteinander zu verknüpfen. Das können wir.

Christiane Benner: Die ITK-Industrie war immer ein wichtiger Innovationsmotor. ITKTechnologien sind in allen Wirtschaftsbereichen Treibertechnologie geworden. Der nächste Schub steht bereits an: die Digitalisierung des gesamten Wertschöpfungsprozesses, Forschung & Entwicklung, Produktion, Dienstleistungen. Unsere Gesellschaft wird digital werden. Die Frage ist: Ist die deutsche ITK auf die Veränderungen vorbereitet? Derzeit baut die produzierende Industrie immer stärker eigene ITKKapazitäten auf. Was machen die ITK-Unternehmen, wenn zum Beispiel Bosch und VW ihre IT-Lösungen selbst entwickeln und Daimler Teile der IT-Dienstleistungen wieder insourced? Die Branche muss aufpassen, dass sie Innovationsmotor bleibt und die zukunftsträchtigen IT-Entwicklungen vorantreibt. Am Beispiel der Kommunikationstechnologie sieht man, was passiert, wenn wichtige technologische Entwicklungen verschlafen werden. Die ist seit
Jahren in einer tiefen Krise.

Dieter Kempf: Wir haben in Deutschland die Kommunikationstechnik nicht verloren, weil wir schlechte Produkte entwickelt und gefertigt haben. Wir wurden vielmehr von einer Technologie angegriffen, die eigentlich gar keine Telefone mehr braucht. Wir sind hierzulande hervorragend bei evolutionären Entwicklungen, aber relativ schwach, wenn es um grundlegende Neuerungen geht. Wir halten zu sehr an Altem fest und verlieren dabei leicht den Blick auf Zukunftsentwicklungen.

Die ITK-Branche verzeichnet seit Jahren stetiges Wachstum bei Umsatz und Beschäftigung. Gleichzeitig finden in vielen Unternehmen Beschäftigungsabbau und Umstrukturierungen statt. Wie erklären Sie
diese Widersprüche?

Dieter Kempf: Die Branche erlebt heute eine derart dynamische Entwicklung wie die Metallindustrie vor gut hundert Jahren. Dabei kristallisieren sich zwei Dinge heraus: Auf der einen Seite sind wir die Branche, die in den letzten Jahren die meisten Arbeitsplätze geschaffen hat. Auf der anderen Seite werden angebotene Arbeitsformen nicht mehr gebraucht beziehungsweise Arbeitsformen und Arbeitsinhalte nachgesucht, die wir mit dem vorhandenen Personal nicht abdecken können. Wir werden daher für die nächsten Jahre nicht auf veränderte Zugangsregelungen von ausländischen Fachkräften und offenere Schranken für Zuwanderungen verzichten können.

Christiane Benner: Der ITK-Sektor macht einen strukturellen Wandel durch. Das erleben wir in vielen Unternehmen, beispielsweise bei HP und - ganz aktuell - bei T-Systems International. Der Wandel hin zu neuen Produkten und Dienstleistungen kann aber nur gelingen, wenn man die heutigen Beschäftigten qualifiziert, und nicht, indem man sie auf die Straße setzt. Wir sind überzeugt, dass die systematische Förderung von Weiterbildung, weitere Anstrengungen bei der Ausbildung und die Förderung von Frauen in ITK-Berufen sowie von Arbeitslosen und älteren Beschäftigten das Problem lösen können.

Dieter Kempf: Beim Fachkräftemangel haben wir es vor allem mit einem strukturellen Problem zu tun. Seit Jahren fehlen rund 40 000 IT-Spezialisten in Deutschland. Auch die örtliche Verfügbarkeit von Fachkräften ist häufig problematisch. Es ist sehr erfreulich, dass die Zahl der MINTStudierenden steigt und sich heute auch mehr junge Frauen in MINTFächer einschreiben. Aber damit ist der Fachkräftemangel auf kurze Sicht nicht zu bewältigen. Wichtig ist: Wir müssen bereits in den Grundschulen mehr Lust auf Technologie wecken. Zudem müssen wir die jungen Menschen schon viel früher auf eine zunehmend dynamische Arbeitsumgebung und auf ständige Veränderungen im Laufe ihres Berufslebens vorbereiten.

Christiane Benner: Initiativen, die junge Menschen an Technik heranführen und dafür interessieren, zeigen tatsächlich gute Erfolge. Das unterstützen wir auch aktiv in den Betrieben, beispielsweise beim Girlsday. Aber der Angebot-Nachfrage-Theorie folgend wären steigende Einkommen ein Indikator für einen Fachkräftemangel. Die Gehaltsanalyse der IG Metall für die ITK ergab jedoch unter anderem, dass die Gehälter für die angeblich besonders gesuchten Software-Entwickler sogar gesunken sind. Die ITK-Unternehmen könnten mehr tun, um für die Beschäftigten attraktiver zu werden. Sie sollten unteranderem gute und moderne Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer schaffen. Viele, insbesondere junge Beschäftigte, legen Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance und machen eine Tätigkeit in der ITK-Industrie davon abhängig, ob die Bedingungen insgesamt stimmen.

Dieter Kempf, Bitkom

Cloud Computing, Big Data, Internet der Dinge: Die IT und TK-Branche steht vor großen technologischen Umbrüchen. Worin liegen dabei die wichtigsten Herausforderungen?

Christiane Benner: Die wichtigste Herausforderung für die deutsche ITK-Branche besteht darin, die Innovationsfähigkeit auszubauen und dabei bewährte Stärken zu erhalten. Deutschland ist ein erfolgreiches Industrieland und nirgendwo sonst gibt es eine solche Nähe von ITK und produzierender Industrie. Es ist eine große Chance, dass genau in diesem Bereich erhebliche Innovationsschübe bevorstehen. Das ist eine einzigartige Chance, die in Business-Solutions und innovative Produkte umgesetzt werden muss.

Dieter Kempf: Ich verbinde mit dem derzeitigen technologischen Wandel große Chancen. Nehmen wir Big Data Analytics: Sie steht und fällt mit der zugrunde liegenden Datenbanktechnologie. Da sind deutsche Unternehmen mit führend. Wir haben hierzulande ebenfalls hervorragende Cloud-Konzepte für den unternehmerischen Bereich und für Privatverbraucher entwickelt. Allerdings sind die größten Cloud-Computing-Anwender und Datenserver im Ausland beheimatet. Dort ist der Datenschutz oft nicht so streng wie bei uns. Darin sehe ich - insbesondere nach den Snowden-Enthüllungen - allerdings durchaus auch eine Chance für den Standort Deutschland. Dennoch müssen wir noch mehr Anstrengungen unternehmen, um die ITKIndustrie weiterzuentwickeln.

Wo sehen Sie konkret Handlungsbedarf?

Dieter Kempf: Wir benötigen gute flankierende Rahmenbedingungen, beispielsweise einebessere Start Up-Förderung. Es fehlt an Risikokapital. In diesem Punkt ist die Aufgabe der partiellen Steuerfreiheit beim Verkauf von investiertem Kapital, wie sie der Koalitionsvertrag vorsieht, kontraproduktiv. Damit treiben wir venture capital-Geber aus Deutschland raus. Auch in anderen Punkten, etwa beim Breitbandausbauund bei der steuerlichen F&E-Förderung, haben wir uns vom Koalitionsvertrag mehr versprochen.

Christiane Benner: Das stütze ich. Wir brauchen gute Be dingungen zur Start-Up-Finanzierung und eine bessere Förderung der Forschung und des Infrastrukturausbaus.Bestehende gute Ansätze bei Forschungs- und Industrieclustern gilt es auszubauen. Was die IG Metall im Koalitionsvertrag vermisst, ist ein Konzept für gute digitale Arbeit. Dabei sind die Risiken schon jetzt deutlich erkennbar: Stress, Burn-Out und prekäre Arbeitsformen müssen in Zukunft wirkungsvoller bekämpft werden. Zu einigen der industriepolitischen Themen werden wir sicherlich auch gemeinsam mit der Politik in den Dialog treten.

Wie sieht es mit der Digitalisierung von Produktion und Dienstleistungen etwa im Rahmen einer Industrie 4.0 aus? Bringt das die Branche nach vorne, oder werden die Produktionsbranchen (Maschinenbau, Automobilindustrie, Energie) diese Entwicklung
dominieren?

Christiane Benner: Hier sehen wir eine echte Herausforderung für die ITK-Industrie. Sie muss sich in dem Bereich industrielle Anwendungen und Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen weiterentwickeln. Andernfalls wandert die Entwicklung der Innovationen in die produzierende Industrie. Gerade in Deutschland müssten die ITK-Unternehmen die strategischen Vorteile des Industriestandorts nutzen. Das bedeutet Investitionen in diesen Bereich und nicht - wie man es zuletzt bei großen IT-Dienstleistern erlebt hat - Kostensenken und Personalabbau. Selbstverständlich gehört dazu auch, dass diese Entwicklung industriepolitisch gefördert wird.

Dieter Kempf: Natürlich verliert die ITK-Branche, wenn sie verstärkt Bauteile für Endprodukte anderer Industriezweige herstellt, ein Stück ihrer bisherigen Identität. Aber damit ist nicht zwangsläufig eine Identitätskrise verbunden, sondern erst einmal verändert sich ihr Gesicht. Gerade beim Thema "Industrie 4.0" hat sich Bitkom frühzeitig auf den Wandel eingestellt. So haben wir uns auf Verbandsebene mit dem VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) und dem ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie) auf ein gemeinsames Büro in Frankfurt verständigt, das sich speziell diesem Thema widmet. Uns allen liegt viel daran, möglichst viel Wertschöpfung in Deutschland zu erhalten. Beim Thema "Industrie 4.0" verfolgen wir das Ziel, nicht nur die einzelnen Branchen, sondern unsere gesamte Wirtschaft besser im internationalen Wettbewerb zu positionieren.

Christian Benner, IG Metall

Christiane Benner: Bitkom hat die Chancen von Industrie 4.0 sehr früh erkannt. Bei den ITK-Unternehmen sehe ich allerdings noch viele Herausforderungen. Das Engagement reicht noch nicht aus. Die Digitalisierung ist einer der großen Wachstumsmotoren. Sie birgt große Chancen für die Branche, fordert aber den Unternehmen auch einen entsprechenden Wandel ab. Das wird nach meiner festen Überzeugung nur gelingen, wenn man die Beschäftigten dafür begeistert und sie zu Promotoren des Wandels macht. Dazu bedarf es guter Beschäftigungsbedingungen und vor allem Sicherheit in diesem Prozess des Wandels. Wir diskutieren diese Fragen mit vielen unserer Mitglieder und wollen zum Beispiel Beschäftigungssicherung und bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben betrieblich und tarifvertraglich angehen.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Gewerkschaften bei dem derzeitigen Wandel in der Branche?

Dieter Kempf: Ohne Gewerkschaften hätte es diese exorbitante industrielle Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben. Ihre Rolle sehe ich im modernen Zeitalter allerdings nicht so sehr darin, für den Arbeitnehmer ein Mindestmaß an Rechten und Selbstbestimmung zu erreichen. Der Mindestlohn ist zumindest in unserer Branche kein Thema. Wohl aber stellt sich die Frage, wie die Wertschöpfungsmöglichkeiten in Deutschland dauerhaft gesichert werden können. Das ist für die ITK-Branche sogar ein Riesenthema. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass Industrialisierung nicht als Schimpfwort, sondern als Chance wahrgenommenwird. Wir müssen uns fragen, was wir tun können, um die industrielle Wertschöpfung mit ITK als Querschnittstechnologie zu unterstützen. Aus unserer Sicht gehört dazu eine weitgehende Flexibilisierung - nicht nur der Arbeitszeit. Wir brauchen ebenfalls flexiblere Übergänge von qualifizierten Beschäftigten in den Ruhestand. Und nicht zuletzt müssen wir die Angst vor der Automatisierung verlieren. Gerade in unserer Branche bedeutet diese keineswegs, dass - wie bei den früheren Rationalisierungskonzepten - zwangsläufig Arbeitsplätze wegfallen.

Christiane Benner: Diese Themen bewegen wir tagtäglich in den Unternehmen. Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland zu halten, steht bei den Betriebsräten und der IG Metall ganz oben auf der Agenda. Umso mehr wundern wir uns, wie wenig innovativ manche Unternehmen sind, die die Chancen der Mitbestimmung von Betriebsräten und Gewerkschaft sowie der Beteiligung von Beschäftigten nicht erkennen. Es gibt in der Branche ja leider namhafte Beispiele dafür. Als IG Metall sind wir dafür bekannt, in Tarifverträgen passgenaue innovative Lösungen zu verankern. Leider gibt es auch in der ITK-Branche Unternehmen, die Druck auf die Arbeitsbedingungen ausüben und Billigmodelle betreiben wollen. Crowdsourcing etwa entwickelt sich gerade in diese Richtung. Da sind wir als Gewerkschaft auch im klassischen Sinne gefragt. Was die Gestaltung der industriepolitischen Entwicklung angeht, rennen Sie bei der IG Metall offene Türen ein. Die IG Metallhat sich in der letzten Krise massiv dafür eingesetzt, dass die Industrie in Deutschland in ihrer Stärke erhalten bleibt und keine Restgröße wird. Sie ist unsere Stärke und ein Pfeiler der zukünftigen Entwicklung. Für die ITK-Branche gilt das in gleichem Maße. Wir sind zu diesen Fragen schon seit einiger Zeit im konstruktiven Dialog mit Bitkom. Das wollen wir weiter fortsetzen.

Letzte Änderung: 14.04.2014


Adresse:

IG Metall Vorstand | Wilhelm-Leuschner-Straße 79 | D-60329 Frankfurt
Telefon: +49 (69) 6693-2857 | | Web: www.hp.igm.de

Service-Links: